Projekte und Relikte der Reichsautobahn zwischen Halle und Magdeburg

„Strecke 71“ – der Vorläuferder „Südharzautobahn“

Südlich des Harzes war eine 186 km lange West-Ost-Autobahn, die so genannte „Strecke 71“ vorgesehen. Ausgehend vom Raum Göttingen sollte die „Strecke 71“, über Nordhausen und Sangerhausen verlaufend, nördlich von Halle die Strecke Magdeburg – Leipzig kreuzen und dann südlich von Dessau in die Linie Berlin – Leipzig einmünden. Da zu diesem Zeitpunkt die Strecke Berlin – Leipzig bereits kurz vor der Bauausführung stand, wurde der Abzweig Dessau in Form einer Trompete mitgeplant und am 23. Dezember 1937 von der Direktion der Reichsautobahnen entsprechend genehmigt. Zwischen Göttingen und Halle folgte die Trasse der „Strecke 71“ gemäß den ersten Planungsstudien bereits weitgehend dem Verlauf der heutigen Bundesautobahn A 38. Zuständig für die Planung und den Bau der Strecke 71 war im 48 km langen Abschnitt Göttingen – Nordhausen die OBR Kassel, während im 138 km langen Abschnitt Nordhausen – Dessau die OBR Halle zuständig war. Am 16. August 1937 wurde durch die OBR Halle in Bernburg eine Bauabteilung der Reichsautobahnen (BAR) eingerichtet, die vorrangig bei der Aufstellung baureifer Pläne für die Strecke Magdeburg – Halle mitwirken sollte, sich in diesem Zusammenhang aber auch recht bald mit Trassierungsfragen der Strecke Göttingen – Dessau befasste. Als nachteilig wurde nämlich anfangs angesehen, dass die beiden Autobahnen Magdeburg – Halle und Göttingen – Dessau gleich zwei neue und sehr kostenintensive Talbrücken über die Saale erforderten. Am 16. November 1937 wurde daher in Berlin entschieden, statt der ursprünglich geplanten Kreuzung nördlich von Halle zwei trompetenförmige Abzweigstellen zu bauen und im dazwischenliegenden Abschnitt die beiden Autobahnen auf einer rund 11 km langen Gemeinschaftsstrecke bei Rothenburg über das tief eingeschnittene Saaletal zu führen. Im Januar 1938 begannen auch die Trassierungsarbeiten im Abschnitt zwischen Nordhausen und Dessau.

Die größte Herausforderung war die Planung und der Bau der Saaletalbrücke Rothenburg im Zuge der bereits erwähnten Gemeinschaftsstrecke. Entsprechend dem Zeitgeist plante hier der Architekt Paul Bonatz 1938 eine 670 m lange und 56 m hohe monumentale Bogenbrücke mit sechs Öffnungen von je 75 m lichter Weite. Neuartig wäre beim Bonatz’schen Ausführungsentwurf gewesen, die Spargewölbe im Bereich der 21 × 21 m breiten Pfeiler nicht mehr durch eine geschlossene Wand aus Werksteinen zu verdecken, sondern bewusst sichtbar zu lassen, so dass die Brücke insgesamt eine sehr transparente Wirkung erhalten hätte. Zugleich wäre damit die Saaletalbrücke Rothenburg zur Autobahnbrücke mit dem reichsweit bis dato höchsten Werksteinbedarf geworden. Anfang 1939 wurde darüber hinaus entschieden, dass zur Bewältigung des erhöhten Verkehrsaufkommens auf der Gemeinschaftsstrecke ein sechsstreifiger Querschnitt erforderlich sei. Damit wäre die „Strecke 71“ eine der ersten Autobahnen in Deutschland gewesen, bei denen ein 37 m breiter Querschnitt mit drei Fahrspuren pro Fahrtrichtung zur Ausführung gekommen wäre. Die ursprünglich 21 m breit geplante Saaletalbrücke Rothenburg war aus diesem Anlass auf eine größere Breite von 27 m umzuprojektieren.

Nach dem Bauprogramm für die Reichsautobahnen vom 1. November 1938 sollte die Strecke Magdeburg – Halle einschließlich der Gemeinschaftsstrecke im Bereich der Überlagerung mit der Autobahn Göttingen – Dessau 1939 vollständig in Bau genommen werden. Dabei sollte die Teilstrecke zwischen den Anschlussstellen Halle/Peißen und Könnern (unmittelbar östlich der Saaletalbrücke) bereits 1940 für den Verkehr freigegeben werden. Zum gleichen Zeitpunkt sollen ebenfalls die Bauarbeiten an der Saaletalbrücke Rothenburg mit dem Ausschachten von Baugruben für die Fundamente begonnen haben, und ab April 1939 befand sich auch die 138 km lange Strecke zwischen Nordhausen und Dessau offiziell in Vorbereitung zum Bau.

Lage der geplanten Brücke über die Saale im Verlauf der Strecke 71 sowie die Anschlussstelle Könnern
(Quelle: Landesbetrieb Bau LSA)

Im Mai 1939 gab die OBR Halle allerdings zu erkennen, dass die ursprünglich als vorteilhaft angesehene gemeinsame Führung der beiden Autobahnen im Bereich der Saaletalbrücke Rothenburg nach neuerlichen Untersuchungen doch eher Nachteile barg (blaue Linien im Bild). Zur Vermeidung der Nachteile war unterdessen eine Verschiebung der Strecke Magdeburg – Halle nach Osten untersucht worden, wobei diese Linie die Saale nunmehr östlich von Bernburg kreuzen und die Verknüpfung mit der Strecke Göttingen – Dessau wieder als Kleeblatt erfolgen sollte (rote Linien im Bild ). Im Juli 1939 wurde diese Variante als neue offizielle Planungsgrundlage bestätigt, so dass die Bildung der Gemeinschaftsstrecke ab sofort der Vergangenheit angehörte. Kriegsbedingt mussten kurz darauf alle planerischen Vorarbeiten für den Abschnitt Nordhausen – Dessau im November 1939 eingestellt werden.

Quelle: LHA LSA

vorstehende Texte verkürzt zitiert nach: Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nr. 13. Neubau A 38 Göttingen – Halle und A 143 Westumfahrung Halle. Dokumentation 2009.

Neubau der Schleuse Rothenburg 1936-1938 - Ausgangssituation 1939

In den vorliegenden offiziellen Bauunterlagen wird die Saalebrücke als bei Könnern liegend bezeichnet. Auf die damaligen Verwaltungsgrenzen bezogen war das östliche Widerlager auf dem Gemeindegebiet von Könnern (Saalkreis) geplant. Das westliche Widerlager sollte  im Bereich der Gemeinde Nelben (Mansfelder Seenkreis) errichtet werden. Nelben ist seit 1992 Ortsteil der Stadt Könnern, welche  gegenwärtig dem Salzlandkreis zugehörig ist. Die Stadt Rothenburg (Saalekreis) liegt geographisch gesehen näher an der seinerzeit geplanten Brücke bzw. sollte diese unmittelbar über der konzipierten Schleuse Rothenburg verlaufen. Daher hat sich in der Literatur bzw. in diversen Schriften die Bezeichnung "Saalebrücke bei Rothenburg" eingebürgert, was auch im folgenden Beitrag beibehalten wird.

Planunterlagen zum Ausbau der Schleuse Rothenburg und der Saalebegradigung mit verzeichneter Reichsautobahn
(Quelle: LHA LSA)
Messtischblatt Könnern 1934 (Ausschnitt) - seinerzeit noch ohne die zwischen 1938 und 1942 errichtete neue Schleuse Rothenburg

Die Saale als Wasserstraße erfuhr In den Jahren 1932 bis 1943 einen großzügigen Ausbau für 1000-Tonnen–Schiffe und als Bauabschnitt wurde fast gleichzeitig mit der Errichtung von fünf baugleichen Schleusen (u.a. Rothenburg) begonnen. Ab 1933 beginnen in Rothenburg gleichzeitig die Arbeiten am Schleusendurchstich und Schleusenbau sowie am Bau der Westuferstraße Halle – Bernburg - Magdeburg, hier Felsenstrecke  Brucke / Nelben, in voller Breite. Im Herbst 1935 erhielt die Erfurter Niederlassung der Baugesellschaft C. Kallenbach den Zuschlag zur Errichtung der Saaleschleuse. Die Gründungsarbeiten und der weitere Baufortgang an der Schleuse erfolgten relativ unbeeinträchtigt von den Erdarbeiten am oberen Schleusenkanal. Obwohl 1938  fertiggestellt, konnten die ersten Schleusungen erst im 2. Halbjahr 1941 erfolgen. Der in den nachfolgenden Fotos abgebildete Ausbauzustand nach der vorläufigen Fertigstellung der Schleuse im Jahre 1938 dokumentiert die baulichen Voraussetzungen für den später begonnenen Bau der Reichsautobahnbrücke.

Neubau der Schleuse Rothenburg - Bauarbeiten im Frühjahr/Sommer 1938 und nach Fertigstellung                                                                          (Quelle Text/Abbildungen: Rothenburger Geschichte(n), Schriftenreihe Nr. 44, Dezember 2017 - http://www.500-indu-rothenburg.de)

Saaletal bei Könnern - Schleuse Rothenburg 1942, Blickrichtung Norden, An dieser Stelle hätte die Brücke das Saaletal gequert. Rechts zu erkennen, die Kleinbahn Könnern-Rothenburg.
(Quelle: Historisches Bildarchiv der Bundeswasserstraßen)
Schleuse Rothenburg - heutiger Zustand, Bereich wie nebenstehend

Saalebrücke Rothenburg (Könnern)

Die Hauptquelle, welche die Planung der Reichsautobahnbrücke bei Rothenburg dokumentieren ist der im Landesarchiv Sachsen-Anhalt (Standort Merseburg, Signatur I579, Nr. 21) überlieferte  Hauptvertrag mit der Firma Grün & Bilfinger. Leider sind die dazugehörigen Zeichnungen und Pläne nicht mehr vorhanden. Im  Unternehmensarchiv des Rechtsnachfolgers, der Bilfinger Berger AG Mannheim, konnten jedoch vier Bauzeichnungen bzw. Pläne ausfindig gemacht werden, darunter ein Lageplan im Maßstab 1:1000.

Ein wichtiges zeitgeschichtliches Dokument, welches neben den untenstehenden enthaltenen Abbildungen auch den tatsächlichen Baufortschritt dokumentiert, ist die Ausgabe der Allgemeinen Vermessungsnachrichten aus dem Februar 1940. 

Spurensuche

Gedankenskizze zum damaligen Stand der Bauarbeiten (Spundwände) mit vorhandenem Messpunkt der Brückenachse zwischen Teufelsgrund und Pannenaer Grund - dieser konnte trotz mehrmaliger AUfsuche nicht mehr im Gelände lokalisiert werden.
(Quelle: Werner Voigt, Rothenburg)
Auf dem Luftbild aus dem Jahre 1953 sind im Bereich des nördlichen Schleusenausgangs noch die Spundwandgruben der Pfeiler 2 und 4 zu erkennen. (eigene Montage auf Basis der Brückenzeichnung)
Schleuse Rothenburg, nördliches Schleusentor - im Gelände ist von den Spundwandgruben nichts mehr zu erkennen